Leben danach    Bethlehem   18. - 29. Oktober 2001

 
 

Internationales Begegnungszentrum Bethlehem © 2001

 

 

Faten

Jetzt können wir also wieder unser "Geliebtes Zuhause" verlassen. Nach 10 Tagen, in denen wir in unserer Wohnung eingeschlossen waren, sind mein Mann und ich heute wieder vor die Tür gegangen. Dabei war es unsere Entscheidung, die Wohnung nicht zu verlassen. Wir wohnen gleich neben der Residenz des Gouverneurs und des Westeingangs des Luxushotels “Intercontinental”. In der Nachbarschaft befinden sich die Flüchtlingslager “Aida” und “Al-'Azze”. Einige israelische Scharfschützen waren im “Interconti”, das nur 50 Meter von unserer Wohnung entfernt steht. Doch auch anderenorts wurden Scharfschützen gesehen. Am ersten Tag der “Wiederbesetzung” wurden zwei unserer Nachbarn in ihren Häusern erschossen: Moussa Abu- Eid, ein 19-jähriger Bethlehemer und die 38-jährige Aysha Odeh, Mutter von acht Kindern. Einige Tage später erschoss ein Scharfschütze, der ebenfalls auf dem “Interconti” plaziert war, Sliman Dibbes, der in seinem Haus saß. Er hinterläßt neun Kinder. 

Faten Nastas bei der Arbeit als Kunstkoordinatorin am Internationalen Begegnungszentrum Bethlehem, am 30. Oktober. Am Tag zuvor war sie zur Arbeit zurückgekehrt. Vieles fiel ihr der dynamischen Kollegin nicht mehr ein, sogar Namen; sie hatte auch ihr Computerpasswort vergessen... 

 Wir hörten von Scharfschützen überall in der Nachbarschaft. In die Wohnung über uns wurde hineingeschossen.  Die Wassertanks auf dem Dach und die nördliche Hauswand wurden getroffen. Uns wurde klar, dass es keine sichere Stelle mehr in Bethlehem gibt, nicht einmal der Krippenplatz vor dem Geburtsort Jesu. Daher beschlossen wir, uns zu Hause einzuschliessen, und wagten nicht einmal, aus dem Fenster zu schauen.

Für meinen Mann und mich waren das die schlimmsten zehn Tage unseres Lebens. Schlimmer als die erste Intifada und schlimmer als die Flucht aus Kuwait, die mein Mann durchstehen musste. Wir denken, dass wir mit Gottes Hilfe unverletzt geblieben sind, in unserem "Geliebten Zuhause".  

Text: Faten Nastas, Photos: Marc Frings
webmaster: Andreas F. Kuntz

 

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