Leben danach    Bethlehem   18. - 29. Oktober 2001

 
 

Internationales Begegnungszentrum Bethlehem © 2001

 

 

Judy

Was möchten Sie der Welt nach diesen letzten acht Tagen der Wiederbesetzung Bethlehems sagen?

Die Welt, vor allem die USA und Europa sollen sich endlich mal rühren! Sie haben die israelische Regierung machen lassen, was sie will. Dabei sollten sie auf Israel Druck ausüben und Sharon die Grenzen zeigen. Das ist uns Europa moralisch schuldig, aufgrund seiner nicht gerade glücklichen Verwicklung in die palästinensische Geschichte der letzten 100 Jahre. Wir haben genug von leeren Versprechungen! Europa soll handeln! Vom deutschen Aussenminister Fischer bin ich sehr enttäuscht. Ihm ist einen Tag nach dem Massaker israelischer Soldaten im Dorf Beit Riema nichts anderes eingefallen, als das Existenzrecht des Staates Israel zu bekräftigen. Die Rechte der Palästinenser blieben wieder einmal auf der Strecke!

Wie haben Sie konkret diese letzte Woche erlebt - wie haben Sie überlebt?

Ich bin bis auf ein einziges Mal - das war der Solidaritätsmarsch der Jerusalemer Kirchen zur Geburtskirche - nicht aus dem Haus gegangen. Ich habe viele Telefonate mit Verwandten und Freunden geführt. Einmal, um mich nach ihnen zu erkundigen. Aber auch, um mich abzulenken. Wenn man dann sieht, dass andere noch schlimmer dran sind, wird man dankbar. – Meine Mutter und ich haben auch den Rosenkranz zusammen gebetet. - Geholfen hat mir auch, dass ich meine Gedanken und Gefühle aufgeschrieben habe. Das war wie ein Ventil.

Judy Bandak arbeitet als Deutschlehrerin an der Dar Al-Kalima Schule. Am 27.Oktober sitzt sie in ihrem Garten. An diesem Tag sollte die israelische Armee abziehen. Kurze Zeit später wurde dieser Abzug verschoben. 

 

Gab es Schiessereien in Ihrer Nähe?

Hinter unserem Garten steht ein mehrstöckiges, leerstehendes Haus, was natürlich für den palästinensischen Widerstand ein idealer Platz zum Schiessen war. Wurde von dort geschossen, haben wir uns in die vorderste Ecke unseres Hauses geflüchtet. Manchmal wurde aber auch von vor unserem Haus geschossen. Dann mussten wir in der hintersten Ecke Schutz suchen. Am schlimmsten war es, wenn von beiden Seiten geschossen wurde. Dann sind wir ins Erdgeschoss hinunter. Wir haben uns sehr unsicher und bedroht gefühlt. Wie leichtsinnig und rücksichtslos hier mit dem Leben umgegangen wird!

Konnten Sie überhaupt abschalten?

Nein. Die Gewalt und die Bedrohung sind allgegenwärtig. Man hört von draussen die Schüsse und hier drinnen läuft der Fernseher, der auch nur dieses eine Thema hat.

Sie sind vor fünf Jahren aus Deutschland, wo Sie studiert haben, zurückgekommen. Was ist mit Ihren Erwartungen und Hoffnungen, die Sie damals hatten?

Die Frage ist falsch gestellt. Ich habe mir damals keine Hoffnungen gemacht und war nicht so optimistisch. Deshalb ist jetzt die Enttäuschung nicht so gross.

Denken Sie, dass die USA mitschuldig sind an dem ungelösten Konflikt?

Ja. Lassen Sie mich etwas sagen zur Doppelmoral der USA. Sie sind angeblich für die Einhaltung der Menschenrechte, für Demokratie, Versöhnung und Frieden. Dabei praktizieren sie selbst genau das Gegenteil. Unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung nimmt sich die USA das Recht heraus, einen Krieg zu führen, bei dem, rücksichtslos wie die Amerikaner vorgehen, die Zivilbevölkerung den Preis bezahlen muss. Offenbar sind sie sich nicht der Tatsache bewusst, das Gewalt nur Gegengewalt hervorbringt. Selbst wenn sie Bin Laden verhaften oder umbringen, werden Tausende neuer „Bin Ladens“ erscheinen. Die USA sollte beginnen, Probleme von Grund auf zu lösen und zwar in einer gerechten Art und Weise, nicht zugunsten der eigenen Interessen.

Wenn alle „checkpoints“ (Kontrollpunkte der israelischen Armee) fielen, was würden Sie als erstes machen?

Unser eigenes Land bereisen, das ich wirklich nicht gut kenne. Vor allem den Norden. Ich war zum Beispiel seit 12 Jahren nicht mehr am See Genezareth. Jemand aus Deutschland kann leichter dorthin fahren als ich. Ist das nicht absurd?

Abschliessend möchte ich Sie fragen: Haben Sie überhaupt noch Hoffnung auf ein friedliches Nebeneinander zwischen Israelis und Palaestinensern?

Man darf die Hoffnung nicht verlieren. Wenn endlich die richtigen Leute an die Macht kämen, die sich ehrlich für den Frieden einsetzten, dann könnten Versöhnung und Frieden erreicht werden. Es liegt an den Israelis. Wir haben schon auf so vieles verzichtet. Mehr geht nicht. Ich glaube jedoch, dass weder die israelische Regierung noch das israelische Volk an einem gerechten Frieden interessiert sind. Das haben wir schon geahnt, als die Mehrheit der israelischen Bevölkerung Sharon an die Macht gebracht hat.

Frau Bandak, wir danken Ihnen sehr für dieses Interview.

 Am Ende des Interviews fielen wieder Schüsse.

 

Interview: Johannes Zang; Photo: Bandak Bandak
webmaster: Andreas F. Kuntz

 

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