Leben danach    Bethlehem   18. - 29. Oktober 2001

 
 

Internationales Begegnungszentrum Bethlehem © 2001

 

 

Juliana

Am frühen Morgen des 24. Oktobers ließ ich meine beiden Kindern zu Hause zurück, um zur Arbeit in das Krankenhaus "Heilige Familie" zu gehen. Es befindet sich gleich bei der Bab es-Sqaq Kreuzung an der Jerusalem-Hebroner-Straße. Einige Stunden waren vergangen und die Schüsse wurden lauter und lauter.

Ich stand neben dem Direktor des Krankenhauses, Dr. Robert Tabash, der aus Angst vor einschlagenden Kugeln gerade versuchte, das Fenster seines Büros zu schließen, als wir plötzlich lauten und seltsamen Lärm hörten. Es war ein israelischer Panzer, der vor dem Tor des Krankenhauses zum Stehen kam.

Das Krankenhaus „Heilige Familie“, ein Entbindungshaus, das von den Rittern des Malteser Ordens getragen wird, wurde von den israelischen Panzern zwei Tage lang beschossen. Sogar die Intensivstation für Frühgeburten wurde von Granatensplittern getroffen.

Juliana Abu Ghazaleh, 29 Jahre, Verwaltungssekretärin am Krankenhaus "Heilige Familie" der Schwestern der Barmherzigkeit von St. Vincent de Paul.

Gegen 15 Uhr bewegte sich der israelische Panzer und fuhr in der Krankenhauseinfahrt zur Paul VI.-Straße hin und  her, so, als ob er auf und ab marschieren würde. Sporadisch beschoss er das Gebiet, so dass umliegende Gebäude und auch Häuser am „Cinema“-Platz beschädigt wurden, von wo aus ich eigentlich einen Bus nehme, um nach Hause zu kommen.

Wir versteckten uns unter unseren Schreibtischen, sogar in den Operationssälen. Einige meiner Kollegen wurden neugierig, sie wollten sehen, was sich draußen abspielt. Einer öffnete vorsichtig das Fenster. Wir sahen das „Qarra’a“- Gebäude gegenüber, das zum dritten Mal in diesen Tagen in Brand stand. Das Ergebnis der Granateneinschläge. Man konnte beobachten, wie Eisenstücke hin- und herpendelten und kurz davor waren, vom höheren Teil des Gebäudes hinabzustürzen. Das ganze Gebiet war verlassen und wirkte wie ein richtiges Schlachtfeld.  

Kurz nach 17 Uhr wurde ein Laborassistent verletzt, als eine große Explosion das ganze Krankenhaus erschütterte. Eine Panzergranate traf den Haupteingang und löste Panik unter den Angestellten aus: Alle Leute rannten, Schüsse von allen Richtungen. „Vorsicht!“ Niemand wusste, wo man sich verstecken konnte oder wo man noch sicher war, schließlich wurde das Krankenhaus nicht für einen solchen Fall konstruiert. Die meisten der Räume haben große Glascheiben und –türen, vor allem zum Innenhof. Auch Patientinnen schrien nach Hilfe, aber keiner der Pfleger konnte zu ihnen gelangen.

Das Fenster von  Julianas Büro wurde von der Druckwelle der Granatenexplosion eingedrückt.

 Als der israelische Panzer weiter auf das Krankenhaus und die umliegenden Gebiete schoss, beschlossen alle Angestellten, auch die Nacht im Gebäude zu verbringen - trotz der Tatsache, dass man auch hier nicht sicher war. Der Schichtwechsel wurde auf den nächsten Tag verschoben, da niemand wagte, das Krankenhaus zu verlassen, nicht einmal um auf den Parkplatz zu gehen.

 Zum ersten Mal befand ich mich in einem Gebäude, das unter Beschuss stand. Ich war entsetzt über die lauten Explosionen um mich herum. Ich fragte mich, ob ich meine Kinder jemals wiedersehen würde. Ich konnte nicht aufhören an sie zu denken. Was, fragte ich mich, machen sie wohl in dieser schrecklichen Nacht ohne mich? Vor allem, weil wir doch in den vergangenen Nächten gemeinsam in einem Bett geschlafen hatten!

 In dieser Nacht nahmen Schrecken und Horror weiter zu, mein Herz schlug schneller und schneller, so, als ob es jeden Moment zum Stehen kommen würde. Ich konnte nicht eine Minute schlafen. Erst, als mir ein Arzt eine Beruhigungstablette gab, wurde ich ruhiger. Zwei meiner Freunde und ich konnten für einige Stunden in einem der Patientenzimmer schlafen, mit Blick auf den offenen Parkplatz. 

 Am nächsten Tag musste ich arbeiten, niemand konnte mich ersetzen. Urlaub oder freie Tage wurden gestrichen. Als ich schließlich nach Hause ging, um meine Kinder wiederzusehen, die Angst um mich hatten, stellte ich fest, dass sich viel in mir verändert hat: Ich habe keine Angst mehr vor den Granaten. Es ist ein großer Unterschied, ob man Granateneinschläge aus einigen 100 Metern Distanz hört oder ob man selbst unter Beschuß steht. Ich werde mich immer an diese Nacht erinnern. Ich hoffe zutiefst, dass sie sich nie wiederholen wird. 

Juliana und ihr Sohn Ramis.

Reporter: Sami Abu Ghazaleh, Photos 1+2: Sandra Olwine, Photo 3: Curtis Zieske
webmaster: Andreas F. Kuntz

 

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