Leben danach    Bethlehem   18. - 29. Oktober 2001

 
 

Internationales Begegnungszentrum Bethlehem © 2001

 

 

Kawthar

Nach so langer Zeit war ich sehr froh, Kawthar wieder vor der Geburtskirche zu sehen.  Kawthar hatte an dem Bethlehem 2000 Begleiter-Kurs im Internationalen Begegnungszentrum teilgenommen, um Gäste durch und um Bethlehem führen zu können.  Als am 23. Oktober die Solidaritätsdemonstration, zu der die Kirchen in Jerusalem aufgerufen hatten, in Bethlehem eintraf, verschwanden die Panzer und wurden am Rachels Grab zusammen gezogen. Kawthar, die im Al-'Azze-Flüchtlingslager lebt, erzählte mir, ihren Sohn Wathek ("Vertrauen auf Gott") auf dem Arm, über die letzten Tage. Später kam ihr Mann Wael dazu.

 

Zum ersten Mal seit fünf Nächten konnten wir endlich aus dem Raum heraus, in dem 40 Menschen, Verwandte wie Nachbarn, Schutz gesucht hatten. Von draußen hörten wir schrecklichen Krach, Schüsse und Granaten. 

In diesen Tagen hatte meine Mutter Herzschmerzen, da sie unter Diabetes leidet und ihre Medikamente ausgingen. Der Krankenwagen wurde daran gehindert, in das Flüchtlingslager zu kommen. Als die Panzer sich für einen Moment zurückzogen, beschloß der Fahrer des Krankenwagens, doch zu fahren. Niemand war sich sicher, wie die israelischen Scharfschützen reagieren würden. Die Entscheidung zu helfen, traf der Fahrer alleine. Meine Mutter konnte letztlich evakuiert werden. Heute bin ich wirklich glücklich, weil wir in ein anderes Haus außerhalb des Flüchtlingslagers ziehen können. Die Solidaritätsdemonstration war unsere Chance.

Am Montag, den 29. Oktober besuchte ich Kawthar in ihrer  Wohnung im Flüchtlingslager. Gerade hatte sie begonnen, in der Küche aufzuräumen. 

Das Schlafzimmer ist der Raum, den ich am meisten liebe. Ich beschütze das Zimmer und lasse niemanden hinein. Jetzt sind die Splitter des Spiegels im ganzen Zimmer verteilt. Wir haben versucht, es vor Schüssen zu schützen, indem wir Sandsäcke vor das Fenster auf der nördlichen Seite aufgestapelt haben. Wir dachten, die Schüsse würden von Rachels Grab kommen wie immer. Doch statt dessen schossen israelische Soldaten vom benachbarten "Paradise Hotel". Sie trafen das Wohnzimmer, die Küche und das Schlafzimmer...

Als ich die Zerstörung sah, überlegte ich gleich, wo ich mit dem Aufräumen anfangen soll. So sind wir eben: Wir machen weiter! Das Fleisch, das wir für den 1.Ramadan vorbereitet hatten, ist im zerschossenen Kühlschrank schlecht geworden. Das war Fleisch für mehr als 1000 DM!  Wir hatten weder Strom, noch Telefon. Ich habe gelernt, nicht noch einmal dieses Fest so früh vorzubereiten. 

Der Welt möchte ich in diesen Tagen sagen: Seid sicher, sie werden ihr Ziel verfehlen! Sie können unsere Häuser noch einmal  zerstören, wir werden sie tausendmal wieder aufbauen!

Erst nach den letzten Auseinandersetzungen vor über einem Monat hatte die Familie einen neuen Boiler gekauft. Während der Inversion haben Scharfschützen von beiden Seiten, Osten und Westen, in das Flüchtlingslager geschossen, vom "Paradise Hotel" und dem "Intercontinental". Hinzu kommt, dass während der Invasion niemand in das Flüchtlingslager gelangen konnte. Nicht ein einziger Wassertank, Boiler oder andere Installationen, die auf den Dächern stehen, blieb unbeschädigt. In dem Gebiet, wo Kawthar lebt, haben keine bewaffneten "Kämpfer" geschossen. Dennoch wurde auf Waels Taubenschlag auf dem Dach geschossen. Einige seiner Tiere wurden getötet.

Reporter: Andreas F. Kuntz
webmaster: Andreas F. Kuntz

 

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