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‚Die Welt zu Gast bei Freunden.....’ – Fussballfieber und Raketenbeschuss im Juni |
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Anette Klasing Bethlehem, Juni 06 |
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Alle im Zentrum sind trotz der starken finanziellen und ökonomischen angespannten Lage in Vorfreude auf die Übertragungen, denn die Ablenkung vom sonst manchmal depressiven Alltag kommt allen sehr gelegen. Doch dann geschieht das Unfassbare: zeitgleich mit dem Eröffnungsspiel Deutschland gegen Costa Rica bombadiert israelisches Militär Gaza und tötet sieben Menschen, die am Strand von Gaza beim Picknick sitzen. Fast alle Personen gehören zu einer Familie, darunter Kinder. ‚We regret for killing civilians’, so der israelische Pressesprecher danach. Man werde den Fall untersuchen. Es kommt, was alle erwarten: die palästinensische Regierungspartei Hamas kündigt den Waffenstillstand mit Israel auf. Raketenbeschuss aus Gaza ins israelische Kernland hinein sind die Folge. Israel tötet daraufhin gezielt zwei Hamasführer......etc. etc. Die Lage in Bethlehem und in der gesamten palästinensischen Autonomie hat sich in den letzten vier Monaten dramatisch verschlechtert: dies ist nun der fünfte Monat in Folge, in dem keine Gehälter mehr gezahlt werden. In Bethlehem sind davon ca. 60 % aller Menschen direkt bzw. indirekt betroffen. Die Armut wird plötzlich sichtbar. Die Menschen können nun nicht einmal mehr die einfachsten Dinge kaufen und wahrnehmen: wir im Zentrum spüren das in allen Kursen und Veranstaltungen - sowie ganz besonders in unserem eigenen Restaurant. Wir haben kaum noch Gäste und die Familien können die Gebühren für unsere jetzt beginnende 6-wöchige Sommer-Ferienakademie für ihre Kinder nicht mehr zahlen. Das Zentrum hat dem Rechnung getragen und die Gebühren auf ein Minimum gesenkt. Ein Teufelskreislauf, denn uns fehlen jetzt die Einnahmen, um wenigstens einen kleinen Teil der Kosten abdecken zu können. Parallel dazu vollzieht die neue israelische Regierung im rasanten Tempo unilaterale Maßnahmen mit dem Ziel, die palästinensische Bevölkerung komplett hinter Mauern ‚verschwinden’ zu lassen. Immer neue Mauern – auch innerhalb der Westbank – entstehen, um mehr Land für ‚Greater Jerusalem’ (‚Großjerusalem’) und neue jüdische Siedlungen rund um Bethlehem zu annektieren. Ein zweiter grosser ‚Terminal’ (Checkpoint) unterhalb von Beit Jala an der sog. Tunnelstrasse ist in Bau und bald fertig. Dann ist auch die letzte Möglichkeit, einigermaßen ungehindert von Jerusalem nach Bethlehem zu kommen (bzw. umgekehrt) vorbei – und das ‚Gefängnis Bethlehem’ komplett. Im Zuge der Abriegelungspolitik erleben die Menschen Bethlehems Israelis fast nur noch als SoldatInnen: das sind die verbleibenden Kontakte. Die Moral und Frustrationen unter den SoldatInnen haben mittlerweile erschreckende Dimensionen erreicht. Während unserer Rückfahrt kürzlich aus Ramallah im Sammeltaxi wurden wir am Container Checkpoint im Wadi Narr (in der judäischen Wüste) zu einem längeren unfreiwilligen Aufenthalt gezwungen: Soldaten forderten die Fahrer der Sammeltaxen auf, für uns Fahrgäste nicht ganz nachvollziehbare, Fragen zu beantworten (z.B. ‚Haben Sie ein orange leuchtendes Licht gesehen und wissen Sie wofür es dient?’). Konnten die Fahrer die Frage(n) nicht beantworten, mussten sie (samt Fahrgästen) erst einmal eine ‚Pause’ einlegen bevor die Weiterfahrt erlaubt wurde. Später hörten wir von Anderen, dass ähnliche ‚Spiele’ unter den Soldaten zum Zwecke des Zeitvertreibs häufiger vorkommen. Zwei ‚interne’ Vorfälle in der Armee wurden in der vergangenen Woche in der Presse publiziert: eine Serie von Vergewaltigungen (an der bis zu 50 Soldaten beteiligt gewesen sein sollen laut Anklage) sowie der Suizid eines orthodoxen Soldaten, der sich in der Nähe von Hebron in einer Moschee erschossen hat. Auch diese Ereignisse geben Anlass zu größter Sorge – auf beiden Seiten nehmen Gewalt und ‚Verrohung’ zu. – Deeskalationswege und gewaltlose Formen des Widerstands und der Konfliktbewältigung sind nötiger denn je. ‚Destruction may be – creativity shall be’Um die Menschen Bethlehems in ihrem Bedürfnis nach Erholung, Kraft und neuer Hoffnung zu unterstützen, setzt das Internationale Zentrum verstärkt auf Bildung, Kultur, Kreativität und Internationale Begegnungen – daher sind auch jetzt während der langen Sommerferienzeit wieder eine Vielzahl von Aktivitäten und Projekte in Planung: - Die ‚Sommer-Konzertsaison’ lädt zu klassischen Konzerten, aber auch zu einem dreitägigen Jugendmusikfestival mit Rock und Pop ein, - KünstlerInnen aus Palästina und dem Ausland präsentieren ihre Werke in der Galerie und im Foyer, - Filmveranstaltungen: das Zentrum präsentierte seinen neuen Film ‚Roots – Shaping communities in times of crises’ erstmalig der Öffentlichkeit. Es ist ein Film über die Suche nach ‚Heimat, Zugehörigkeit und Identität’ – entstanden während der Internationalen Konferenz im vergangenen Winter. - Die grosse Sommer-Ferienakademie bietet fünf Wochen lang Kindern und Jugendlichen Bethlehems täglich interessante Aktionen und Ausflüge an. - Einige junge Leute aus Bethlehem werden im August an einer Internationalen Begegnung in Bayern teilnehmen: gemeinsam mit jungen Erwachsenen aus dem Irak, Bosnien und Deutschland werden sie völlig andere Grenzerfahrungen machen. Klettern, Rafting, Biking in den Bergen sowie gemeinsam mit Anderen, die ähnlich traumatische Erlebnisse zu verarbeiten haben, 12 Tage lang zusammenleben, arbeiten, nachdenken, Sport und Kultur entdecken und feiern. - Interkulturelle und Internationale Begegnungen werden während der Sommerferienzeit auch im Zentrum stattfinden. - Trainings ‚zum Umgang mit Konflikten’ bzw. für eine ‚gewaltlose Konflikttransformation’ werden angeboten. Das Motto des Zentrums ‚Destruction may be – Creativity shall be’ (‚Zerstörung kann passieren – Kreativität wird bestehen’) wird auch diese Programme begleiten. Das Internationale Zentrum lässt nicht nach in dem Bestreben - trotz aller Schwierigkeiten und ausbleibenden Funds - seine Programm fortzusetzen und weiterzuentwickeln.. Das IBZ möchte alle Freunde und Freundinnen ermutigen, das Zentrum weiterhin ideell und finanziell zu unterstützen. |