„Gesegnet sei die Frucht deines Leibes ...“
Eine Weihnachtsgeschichte aus unseren Tagen – wirklich erlebt
Sean Hawkey, Bethlehem, 2. Dezember 2002
Als
Nahed Fawaregh Anfang dieses Jahres schwanger wurde, fühlten sie und ihre Mann
sich gesegnet. Die Zeit der Geburt sollte Anfang Dezember sein. Sie würde dazu
in die nahe Entbindungsstation nach Bethlehem gehen..
Nahed und ihre Familie leben in einem kleinen Dorf, Ma’sarah , was Ölpresse bedeutet. Rund herum liegen Olivenhaine und Weingärten. Hier gibt es keine Klinik. Wer krank oder werdende Mutter ist, muss in die Klinik nach Bethlehem. Während die meisten Dorfbewohner kleine Herden mit Ziegen und Schafen haben, hat Naheds Mann ein Taxi, so dürfte es kein Problem geben, ins Krankenhaus zu gelangen.
Nahed, die gerade 20 Jahre alt wurde, stand im Mittelpunkt der Familie. Als das Baby heranwuchs, erhielt sie von Freundinnen kleine Geschenke. Die älteren Damen strickten Strampelhöschen und jeder achtete darauf, dass sie das aß, was sie gerne mochte. Nahed strahlte vor Gesundheit und Glück.
Am Mittag des 27. November setzten die Wehen ein. Sie hatte schon ihre Tasche vorbereitet und fuhr nun mit ihrem Mann im Taxi nach Bethlehem. Sie fuhren auf der einzigen Straße, die nicht von israelischen Bulldozern aufgerissen und mit Erd- und Steinhaufen gesperrt ist. Jedoch war es nur einer bestimmten Gruppe erlaubt, auf dieser Straße zu fahren: Jüdische Siedler, die in den schwer bewachten Siedlungen leben.
( Der harmlose Ausdruck „Siedlung“ beschreibt keineswegs die sich ausdehnenden Kolonien. Es sind Orte und Städte, die oben auf den vom Militär enteigneten Hügeln liegen. Inzwischen leben 400 000 Leute in diesen Siedlungen und die meisten sind osteuropäische oder amerikanische Immigranten. Der einheimischen Bevölkerung bleiben nur die immer kleiner werdenden Landstücke zwischen den Siedlungen und den sie verbindenden Straßen. Das Wasser, das die Dorfbewohner zum Bewässern ihre Landes bräuchten, wird zur israelischen Monopolfirma abgeleitet.)
Die Fawareghs wussten, dass es ihnen verboten ist, auf der nur für jüdische Siedler bestimmten Straße zu fahren – aber hier lag ja ein Notfall vor. Sie beteten darum, dass sie keiner israelischen Patrouille begegnen – aber genau das geschah.
Ein Jeep mit vier Soldaten der Besatzungsarmee hielt sie mit vorgehaltenen Waffen an. Die Soldaten sagten nichts, obwohl es deutlich war, dass Nahed Schmerzen hatte. Die Fruchtblase zersprang. Naheds Mann flehte die Soldaten an, die ihm erwiderten: „Halt den Mund!“ Nahed begann zu bluten. Die Soldaten schwiegen und ließen sie warten. Schließlich nach zwei Stunden ließen sie sie weiterfahren.
Dies war weder ein Missverständnis noch ist es ein Einzelfall. Dies ist ein Teil der Routine-Schikane an der christlichen und muslimischen Bevölkerung von Palästina. Dies ist israelische Politik. Tatsächlich ist das so allgemein, dass das israelische Militär an den Kontrollpunkten medizinisch so ausgerüstet ist, dass sie sich mit Frauen abgeben können, die „den Checkpoint als Geburtsort wählen“.
Bethlehem ist unter Ausgangssperre, in den Straßen patrouillieren die Panzer. „Dies ist ein Gefängnis“, erklärt Pfarrer Mitri Raheb, „Wenn man sein Haus verlässt, wird man erschossen“. Während die Panzer laut dröhnend durch die Gassen fahren, wird durch Lautsprecher geschrieen: „Kommt ja nicht raus, ihr Viecher!“
An dem Nachmittag, an dem Nahed in Bethlehem ankam, wurde Herr Rabaya, der nur Brot für seine Familie kaufen wollte, von den Besatzungstruppen erschossen. Er wurde von einer Kugel in den Hinterkopf getroffen. In den Medien wird so ein Mord als Kreuzfeuer (‚crossfire’) bezeichnet. Die verzweifelten Leute erklären es dann so: wir überqueren (‚cross’) die Straße und sie schießen (‚fire’).
Hilflos beobachtete ich H. Fawaregs Mutter und seine Frau, wie sie mit den Zähnen knirschten und vor Kummer an ihren Haaren und ihrer Kleidung zupften.
In Bethlehem steht über dem Eingang des Krankenhauses, das „Heilige Familie“ genannt wird, eine Statue der Jungfrau Maria. Sie ist von israelischen Kugeln durchlöchert. Als Nahed endlich im Krankenhaus ankam, wurde deutlich, dass die lange Verzögerung eine traurige Folge hatte:
ihr Baby war tot.
Nahed erzählte mir ihre Geschichte ganz ruhig. Sie ist „voll der Gnaden“. „Ich werde mein Leiden Gott darbringen,“ sagt sie. Als ich sie so ansah, musste ich daran denken, dass man ihre ganze Geschichte im Gesicht ablesen kann, und zwar nicht nur ihre eigene Geschichte sondern die von ganz Palästina.
(Aus dem Englischen übersetzt: Ellen Rohlfs)