Internationales Begegnungszentrum Bethlehem
Angriffe auf Bethlehem
Liebe Freundinnen und Freunde, Bethlehem, 20. Oktober 2001
einige von euch haben gestern angerufen um zu fragen, wie die Lage in Bethlehem ist nach dem Einmarsch der israelischen Armee gehört hatten.
Als wir das Begegnungszentrum am späten Donnerstag Nachmittag (18.10.) verließen, konnten wir nicht einmal ahnen, was uns bevorstand. Obwohl die Israelis in den frühen Morgenstunden Teile von Ramallah, Al-Bireh und Dschenin als sogenannte Reaktion auf den Mord an Minister Se’evi besetzt hatten, meldete Ha’aretz, daß keine Absicht bestehen würde, in Bethlehem, Jericho oder Hebron einzumarschieren.
Wie auch immer, - etwa um 18 h ermordeten die Israelis 3 Fatah-Aktivisten, offenbar durch eine Bombenfalle in einem Auto, als sie gerade durch ein Wohngebiet auf einer Straße zwischen Bethlehem und Beit Sahour fuhren. Innerhalb kürzester Zeit haben die Geschäfte zugemacht und die Straßen waren voll von Männern, die zum Krankenhaus in Beit Jala gingen, in das die Getöteten gebracht worden waren. Sehr bald erkannten die Leute, daß die Situation in den nächsten paar Stunden eskalieren würde.
Und kam so. Etwa um 22 h begann ein schwerer Schusswechsel zwischen Palästinensern und israelischen Soldaten. Bald erschienen israelische Panzer und Kampfhubschrauber. Die ganze Nacht über gab es heftige Feuergefechte. Schlafen war für die meisten Bewohner von Bethlehem, Beit Jala und Beit Sahour unmöglich. Israelische Panzer besetzten etwa um 1 h nachts Bethlehem und Beit Jala. Sie fuhren in die Hebronstraße, in die Krippenstrasse, südlich der Schule „Talitha Kumi“ vor und in das Flüchtlingslager Aida.
Am Freitag im Morgengrauen wurde berichtet, daß die Israelis die beiden neuen Hotels, das „Intercontinental“ an der Hebronstrasse und das „Paradise“ Hotel an der Krippenstrasse besetzt hatten. Ebenso haben sie auf dem Hindasaberg 1 km südlich der Geburtskirche Stellung bezogen.
Was bedeutet das alles ?
Palästinenser in der Region von Bethlehem waren es fast schon gewohnt in ihrer Stadt gefangen zu sein, vor allem in den letzten 13 Monaten der Intifada. Aber nun sind wir nicht nur gefangen; wir sehen auch die Geschütztürme der Panzer in jeder Richtung, in die wir schauen. (Die israelische Regierung hat verlautbaren lassen, daß 30 Panzer in diesem Gebiet präsent sind.)
Das Leben ist zum Erliegen gekommen. Am Freitag konnte niemand ins Begegnungszentrum gelangen, da die meisten Mitarbeiter in Gebieten wohnen, in denen es schwere Schießereien gab. Zur Sicherheit der Schüler wurden alle Schulen geschlossen (eine 10-jährige Schülerin war durch israelischen Beschuss am Donnerstag in Dschenin getötet worden). Die Geschäfte waren heute geschlossen im Gedenken an die Mitbürger, die gestern in ihren Wohnungen durch israelische Schüsse getötet worden waren.
Auch jetzt, da wir dies schreiben, hören wir explodierende Panzergranaten in Bethlehem und ein junges Mädchen und eine junge Frau sind in Beit Jala gerade getötet worden. Zwei unserer Mitarbeiterinnen, Faten und Carol, haben gerade angerufen und berichtet, daß vor ihren Wohnungen schwere Feuergefechte statt finden.
Was fühlen wir ?
Es gibt keine Zeit zum Nachdenken, zum Tränen vergießen; Tod folgt auf Tod, Zerstörung folgt auf Zerstörung.
Während die Explosionen der Granaten lauter werden und näher kommen, während wir das Heulen der Sirenen der Rettungsfahrzeuge hören, bitten wir euch inständig, uns nicht als ‚Waisenkinder‘ alleine zu lassen. Vergeßt uns nicht in der Zeit unserer Heimsuchung. Betet für uns, und noch wichtiger in diesen Tagen, nehmt Verbindung auf zu eurer Regierung, um sie dringend aufzufordern, einzuschreiten, ehe noch mehr Menschen getötet werden.
„Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder ein noch aus und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen; wir werden niedergeworfen und doch nicht vernichtet.“ 2.Kor. 4,8-9
Der MitarbeiterInnen des Internationalen Begegnungszentrums