Internationales Begegnungszentrum Bethlehem
Bethlehem, den 22. Oktober 2001
Ruf aus Bethlehem
Liebe Freundinnen und Freunde,
Nachdem sie die Engel verlassen hatten und gen Himmel gefahren waren, sprachen die Hirten zueinander : „Laßt uns nun nach Bethlehem hingehen und schauen, was geschehen ist, was der Herr uns kundgetan hat“. Und sie gingen eilend und fanden Maria und Josef, und das Kind in der Krippe liegend. Als sie dies gesehen hatten, machten sie kund alles, was ihnen über dieses Kind gesagt worden war. Und alle, die das hörten, verwunderten sich über das, was die Hirten ihnen gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bedachte sie in ihrem Herzen. ( Luk 2, 15-19 )
Die Worte der Schrift, die uns die Geschichte von Jesu Geburt berichten, werden von den christlichen Palästinensern, die in der Region von Bethlehem leben, treu bewahrt. Sie bilden eine der Grundlagen unserer Identität, als diejenigen, die geboren wurden, um an dem Ort zu leben, zu arbeiten und Zeugnis zu geben, dem Ort, der für die Geburt Jesu auserkoren wurde. Diese Identität hat uns Hoffnung und Kraft gegeben, gerade auch in den Tagen des Leidens.
Für viele Christen in der ganzen Welt bedeuten diese Worte Frieden und Trost. Vor 18 Monaten, als Seine Heiligkeit Papst Johannes Paul II seinen historischen Besuch in Bethlehem machte, im März 2000, hat er sich auch auf diesen bekannten Text bezogen:
“Heute blicken wir auf einen Augenblick vor zweitausend Jahren zurück, doch im Geist schließen wir alle Zeiten mit ein. Wir sind an einem Ort versammelt, doch wir erfassen die ganze Erde. Wir feiern ein neugeborenes Kind, doch wir schließen alle Männer und Frauen überall mit ein. Heute rufen wir vom »Manger Square« [Krippenplatz] in jede Zeit und an jeden Ort hinaus, und wir rufen es jedem Menschen zu: »Friede sei mit euch! Fürchtet euch nicht!« Diese Worte ziehen sich durch die Seiten der Schrift. Es sind göttliche Worte, ausgesprochen von Jesus selbst nach seiner Auferstehung von den Toten: »Fürchtet euch nicht!« (Mt 28,10). Es sind die Worte, die die Kirche heute an euch richtet: Fürchtet euch nicht, eure Präsenz und euer Erbe als Christen an dem Ort zu bewahren, wo der Retter geboren wurde.“ ( Predigt, Heilige Messe am 22. März 2000 ).
„Friede sei mit euch ! Fürchtet euch nicht !“ Es ist nicht zu glauben, aber eineinhalb Jahre später scheinen diese Worte nur noch ein ferner Traum. Die Leute an genau demselben Platz sind Gefangene der Angst.
Während der letzten 13 Monate der Intifada haben sich die Leute versucht zu trösten mit der Gewißheit, daß Bethlehem ein sicherer Ort sei; daß israelische Truppen niemals das Zentrum der Stadt, die als Platz der Geburt Christi in Erinnerung ist, angreifen werden. Niemand konnte sich vorstellen, daß jemand am hellichten Tag auf dem Krippenplatz erschossen werden könnte.
Doch, am Samstag, den 20. Oktober 2001 geschah das Unvorstellbare. Johnny Taldschije, ein 17-jähriger palästinensischer Christ war gerade auf dem Krippenplatz seinem Cousin begegnet, dem Platz auf dem er mit seinen Freunden aufgewachsen war. Hier spielte er mit seinen Freunden und nahm regelmässig an den griechisch-orthodoxen Gottesdiensten in der Geburtskirche teil. „Von Jugend an war er immer in der Kirche, immer hilfsbereit. Er hatte Zuneigung zu jedem Menschen, eine Gabe, die er von Gott erhalten hatte. Wir sagten, sein Herz sei aus Gold“, erklärte Vater Theophanis in einem Bericht in der Washington Post. Johnnys Traum war es, Theologie zu studieren und Priester zu werden. Am Samstag nachmittag kam Johnny von der Vesper aus der Kirche und unterhielt sich mit seinem Cousin auf dem Krippenplatz. Kurz danach forderte eine Kugel sein Leben. Schreckliche Ironie, anstatt am Sonntagsgottesdienst teilzunehmen, fand um 15:30 h in der gleichen Kirche sein Begräbnis statt.
Seit drei Tagen gehen die Bewohner Bethlehems von einem Begräbnis zum anderen, der Klang der Rufe zum Gebet von den Moscheen und das traurige Geläute der Begräbnisglocken der Kirchen erfüllt Bethlehem. Der Krippenplatz, der neu gestaltet worden war als Platz der Begrüßung des neuen Jahrtausends und der Besucher aus aller Welt, ist nun zu einer Stätte der Trauer geworden, wo zahlreiche Trauerfamilien die Kondolenzbesuche entgegen nehmen.
Ja, inmitten von Tod und Zerstörung scheint die übrige Welt nichts über die Wirklichkeit zu wissen, in der wir leben. Gerade gestern abend rief eine unserer Freundinnen aus Deutschland an, um sich nach uns zu erkundigen. Sie sagte, sie wäre beunruhigt, da sie in den Nachrichten hörte, daß „einige Kugeln in die Luft von Bethlehem gefeuert wurden“. Ja, gut, es waren tatsächlich einige Kugeln in der Luft... Doch das beschreibt keineswegs die Situation in Bethlehem. Was uns quält ist, daß in weniger als 3 Tagen 16 Personen getötet wurden, meistens Zivilisten in ihren Häusern. Und während wir jetzt diesen Brief schreiben, sind gerade 300 m entfernt Panzergranaten explodiert und schwere Maschinengewehre feuern.
Jeder Mensch hier fragt jetzt: „Wie weit will Israel mit dieser Aggression gehen?“ Gestern abend wurde sogar das öffentliche Krankenhaus in Beit Jala angegriffen. Der Krankenhausdirektor berichtete, daß es mindestens 5 mal innerhalb von einer Stunde getroffen wurde. Ein junger Polizist wurde an der Einfahrt des Krankenhauses getötet und später wurde Amdched Abu Amya, ein Anästhesietechniker, verletzt. Panzer blockierten für einige Stunden die Einfahrt des Krankenhauses.
Wieder einmal wurde unsere lutherische Weihnachtskirche zu einem Fluchtort, diesmal für Volontäre und Mitarbeiter, deren Häuser inmitten der Schießereien liegen. Schlimmerweise ist dies ein ständig wiederholender Teil unserer Geschichte geworden. Im Jahr 1948 öffnete unsere Kirche ihre Tore für die Flüchtlinge von 1948. Knapp 20 Jahre später nahm die Kirche Flüchtlinge des Krieges von 1967 auf. Steht eine weitere Flüchtlingswelle durch die Aggression des Jahres 2001 bevor ?
Doch, trotz all dem, und obwohl die Worte der Schrift und des Papstes Johannes Paul II wie ein Traum erscheinen, lassen wir uns nicht von der Angst überwinden. Wir lassen Panzer nicht unser Leben kontrollieren. Wir lassen unsere Stimmen nicht durch Raketen zum Schweigen bringen. Ja doch, wir sind heute durch die leeren Straßen von Bethlehem gegangen, weil wir eine Verantwortung fühlen. Wir tragen Verantwortung, daß die Stimmen der Menschen in Bethlehem nicht auch noch totgeschwiegen werden.
In einer Zeit, in der die Welt unserem Leiden gegenüber gleichgültig zu sein scheint, wenden wir uns an Euch, in der Hoffnung, dass ihr unseren Stimmen in diesen schwierigen Zeiten Gehör verschafft, dass ihr der Ungerechtigkeit entgegentretet, dass ihr die Botschaft des Kindes von Bethlehem verkündigt, die Botschaft des Friedefürsten.
Ms. Viola Raheb
Rev. Sandra Olewine
Für die Namen der Menschen, die ihr Leben während der Invasion verloren, gehen Sie bitte zu In memoriam: