In einem Land, das man Palästina nennt.

Sandra Olewine

 

Tragische Geschichten über Schwierigkeiten, die Menschen haben, wenn sie nach Palästina/ Israel ein- oder ausreisen wollen, gibt es unter Palästinensern eine Menge. Aber eine solche Geschichte mit besonderer persönlicher Note trifft die Mitarbeiter des Internationalen Zentrums von Bethlehem in dieser Woche, als dem international anerkannte Musiker Marwan Abado, ein österreichischer Staatsbürger palästinensischer Herkunft, am Sonntag, den 20.7.03 bei seiner Ankunft die Einreise verweigert und er am nächsten Tag ausgewiesen wird.

Es war geplant, dass Abado und seine Musikerkollegen beim Festival „Songs for Freedom“ in Bethlehem und Jerusalem „Misk Wa Anbar“ aufführen. Abado war zum einen von der Österreichischen Botschaft und vom TOKTEN-Programm der UNDP eingeladen und hatte zum andern ein Visum vom Israelischen Außenministerium erhalten. ICB sah mit Gewissheit und Freude der Ankunft Abados und seiner Gruppe am 26. Juli entgegen. Aber mit Abados Kommen gab es mehr als die übliche Aufregung vor einer bevorstehenden Veranstaltung.

 

Am 29.Juni 2002 heiratete Abado Viola Raheb, die damals Schulrätin der Lutherischen Schulen der Ev.-Luth. Kirche in Jordanien und Palästina war und Mitarbeiterin im Dar Annadwa. Viola Raheb gehörte ihr Leben lang zur lutherischen Weihnachtskirche in Bethlehem und ist die Schwester des Direktors des ICB, des Pastors Dr. Mitri Raheb.

Auf Grund des schweren Konfliktes im letzten Sommer im Raum Bethlehem, kam es, dass Abado die Einreise in die Westbank verwehrt wurde. Auch Abados Familie aus dem Libanon war es unmöglich, hierher zu kommen. So fand die Hochzeit in der Lutherischen Kirche zum Guten Hirten in Amman statt. Während Violas nächste Familienangehörigen und ein paar Freunde zur Hochzeitsfeier kommen konnten, war dies den Bethlehemer Gemeindegliedern nicht möglich.

Das bevorstehende Konzert sollte nun der weiteren Verwandtschaft und Freunden die Möglichkeit geben, Abado zu treffen und mit ihm und Viola das Fest nachzuholen.. Viola war schon ein paar Tage früher gekommen, und nun wartete sie am Sonntag auf Marwans Ankunft. Als Marwan aber aus dem Flugzeug kam, wurde er traurigerweise sofort von israelischen Behörden verhaftet und zum Flughafengefängnis gebracht. Obwohl er ein gültiges Arbeitsvisum vom israelischen Außenministerium erhalten hatte, verweigerte ihm die israelische Sicherheitsbehörde, das Verlassen des Flughafens. Mehrere diplomatische Behörden versuchten, in dieser Angelegenheit zu vermitteln, einschließlich einem Vertreter der österreichischen Botschaft, der am Flughafen wartete, um Marwan bei der Ankunft zu begrüßen.

Trotzdem erklärte die israelische Sicherheitsbehörde Abados Visum für ungültig und setzte ihn nach 24 Stunden Haft ins nächste Flugzeug zurück nach Wien. Es gab keine Erklärung und Begründung für die Entwertung des Visums und die Einreiseverweigerung außer dem üblichen zweifelhaften Ausdruck „aus Sicherheitsgründen“.

In einer Presseerklärung stellte ICB fest:„ Als einer der Organisatoren des Festivals „Songs for Freedom“, einem internationalen Ereignis, findet das Internationale Zentrum von Bethlehem es äußerst schwierig, die Gründe zu begreifen, die hinter der Verweigerung von Abados Einreise stehen, zumal die israelische Regierung selbst Abado vor seiner Ankunft ein Visum ausgestellt hat. Wir betrachten in solch einer ungerechtfertigten Aktion nur ein weiteres unnötiges Hindernis auf dem Weg zum Frieden.“

 

Nachdem Marwan wieder in Wien eingetroffen war, schrieb er: „ Als ich das erste Mal in dieser Welt meine Augen öffnete, hatte meine Familie schon Geld gesammelt, um die Glocken der Kirche Kafr Birem zu ersetzen, dem Dorf aus dem meine Familie vertrieben wurde, bevor sie zu Flüchtlingen im Libanon wurde. Jahrzehnte lang war unser Heimatort in Galiläa verlassen. Aber seit 1970 läuten die Glocken wieder im Kirchenturm und sind so ein Zeugnis für das, was wir durchgemacht haben. Der Klang der Saiten meiner Laute (Oud) sind nicht nur ein Zeugnis sondern eher ein Auftrag und eine Verpflichtung gegenüber meiner emotionalen Zugehörigkeit zu diesem Land. Das Lächeln in meinem Gesicht verließ mich nicht während meiner Haft und nicht einmal während meiner Deportation; denn dieses Lächeln liegt in meiner Zugehörigkeit zu diesem Land, weil es unmöglich ist, ein Lächeln zu verhaften. Ich hoffe, dass ich euch (bald wieder) treffe“.

 

Noch eine persönliche Bemerkung: diese Geschichte müssen wir den zahllosen andern Geschichten über Palästinenser hinzufügen, denen das Recht verweigert wird, sich an den grundlegenden menschlichen Beziehungen zu erfreuen. Wir stehen zu Viola und Marwan mitten in ihrer fortdauernden ungerechten Realität.

      „Jeden Tag gibt es Nachrichten, jeden Tag gibt es Bilder aus einem Land,

        das man Palästina nennt.

        Jeden Tag gibt es Kämpfe; jeden Tag gibt es Abschied in einem Land,

        das man Palästina nennt.

        Ich wünsche mir einen Tag ohne Siege, ohne Mord, ohne Verletzungen

        nur einen ganz normalen, langweiligen Tag.

        und dieser normale, langweilige Tag  wird für das Land, das man Palästina nennt,

        ein Festtag sein.“ (Lyrik von Marwan Abado)

 

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