Palmensonntag
Palmensonntag. Der Einzug Jesu in Jerusalem. Freudig streuen die Jünger und
zahlreiche Festpilger Palmenzweige auf den Weg und breiten ihre Mäntel aus. Das
Volk jubelt: „Hosanna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des
Herrn! Hosanna in der Höhe!“ Ein Triumphzug Christi zu Lebzeiten, wie er schon
in der frühchristlichen Kunst mit Vorliebe abgebildet wird.
Nicht in dieser Darstellung. Der palästinensische Ikonenschreiber verlässt die
strengen Regeln des Ikonenschreibens und vergegenwärtigt dem Betrachter auf
unverfälschte Weise die missliche Lage seines Landes. Des “Heiligen“ Landes. In
dieser Ikone wird Jesus zum Sinnbild der Unfreiheit der palästinensischen
Menschen, insbesondere der palästinensischen Christen. Nicht auf Palmenzweigen
und Mänteln reitet Jesus, sondern auf Olivenbaumzweigen und arabischen Kefijen,
den traditionellen Kopfbedeckungen der bäuerlichen Bevölkerung. Beides
Allegorien arabisch-palästinensischer Identität. Ebenso wie seine Jünger trägt
Jesus eine Kefija als Kopfbedeckung, um seiner Zugehörigkeit zum
palästinensischen Volk Ausdruck zu verleihen. Ein Jude, der, zum Christ geworden,
das Schicksal der Palästinenser teilt. Er hält einen Genehmigungsschein in
seiner linken Hand. Dieser wird ihm jedoch den erwünschten Einzug in die Stadt
Jerusalem nicht erleichtern. Denn die Tore Jerusalems sind mit Stacheldraht
versperrt. Kein Weg führt mehr in die heilige Stadt. Wie für viele Palästinenser
bleibt Jerusalem auch Jesus verschlossen. Zumindest sinnbildlich. Seit Jahren
stehen viele der heiligen Stätten des Heiligen Landes mehr oder weniger leer.
Mangel an Bewegungsfreiheit, Kontrollpunkte und Ausgangssperren lassen einen
Besuch nur selten zu. Die Ikone schildert also eine für Palästinenser
alltägliche Situation.
Doch damit nicht genug. Auch der beengte Lebensraum der Palästinenser ist
gefährdet. Traditionellen Darstellungen zufolge müsste der Mann im Hintergrund
der Ikone den Zöllner Zachäus abbilden, der Jesus von einem Baum aus genauer
betrachten will. Statt dessen scheint es sich eher um jemanden zu handeln, der
die Äste eines, für die palästinensische Landwirtschaft so wichtigen,
Olivenbaumes, rücksichtslos abschlägt. Eine Anspielung auf die zahlreichen
Kahlschlagaktionen israelischer Soldaten? Die schleichende Zerstörung
palästinensischen Lebensraums?
Die Jesusdarstellung dieser Ikone zeigt die Gefährdung christlichen Lebens im
Heiligen Land auf. Die palästinensischen Christen sind in doppelter Hinsicht
eine Minderheit im Heiligen Land. Sie sind Palästinenser und stehen damit unter
Verdacht, potentielle Terroristen zu sein. Das Recht auf Menschenwürde und
Respekt wird ihnen abgesprochen. Ihr wahres Schicksal geht langsam in den
Vorurteilen der Weltöffentlichkeit unter. Sie sind Christen palästinensischer
Herkunft und gelten damit im Staat Israel als minderwertig. Sie sind die
Nachkommen der Mutterkirche im Heiligen Land. Sie haben seit eh und je seine
Kultur und sein Schicksal geteilt. Und sie tragen Jesus’ besonderes und für alle
Menschen dieser Welt gültiges Gebot weiter: „Liebet eure Feinde; segnet, die
euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch
beleidigen und verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn
so ihr liebet, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht
dasselbe auch die Zöllner? Und so ihr euch nur zu euren Brüdern freundlich tut,
was tut ihr Sonderliches? Tun nicht die Zöllner auch also? Darum sollt ihr
vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“
Rechte bei
Janina Achtmann
Kaditzer Str. 17
01139 Dresden
Telefon: 0351 – 84 89 192
E-Mail: janiacht@yahoo.com
Internet: www.jerusalam.info