Der Irak-Krieg und seine Auswirkungen auf
den israelisch-palästinensischen Konflikt
Eine palästinensisch-christliche Perspektive
Dr. Mitri Raheb
Die Augen der Welt schauten in dieser Woche nach New York, wo der US-Außenminister
Colin Powell sich an den UN-Sicherheitsrat wandte, indem er den Beweis lieferte
und so einen Kriegsgrund gegen den Irak hat. Während sich viele in aller Welt
fragen, welchen wirtschaftlichen Einfluss dieser Krieg wohl auf die Börse haben
wird, haben die Palästinenser noch ganz andere als nur wirtschaftliche
Befürchtungen. Die Palästinenser haben keine Angst um das Leben von Saddam.
Während einige ihn als Helden sehen, der der größten Weltmacht trotzt, sehen
viele Palästinenser ihn als einen Subunternehmer genau dieser Supermacht;
Er wurde aufgebaut, bezahlt und ausgerüstet, um die schmutzige Arbeit des
Kampfes gegen die Islamische Revolution im Iran nach 1979 zu tun. Nun ist sein
Vertrag ausgelaufen. Nun sollte er gehen. Für die Palästinenser ist nicht Saddam
das Problem. Das Problem ist für sie viel existentieller.
Die überwiegende Mehrheit der Palästinenser ist gegen einen möglichen Krieg aus
rationalen, wahren Gründen:
- Die Palästinenser fürchten zu aller erst, dass Israel das
Sich-beschäftigen der Welt mit dem Irakkrieg und dem Hauptaugenmerk der Medien
auf diesen Teil der Welt ausnützen will, um seine schmutzigsten Fantasien mit
den Palästinensern auszuführen. Die 1. Maßnahme, die von der israelischen
Militärregierung erwartet wird, ist eine 24stündige Ausgangssperre für die
Dauer des Krieges. 2,5 Millionen Palästinenser werden monatelang unter
Hausarrest gesetzt. Über 1,5 Millionen Kinder werden am Schulunterricht
gehindert. Angestellte und Arbeiter werden daran gehindert zur Arbeit zu gehen
und Kranke erhalten keine medizinische Versorgung. Das selbe Szenario spielte
sich schon während des Golfkrieges 1991 ab. Doch sind die augenblicklichen
Ambitionen Israels viel erschreckender: eine Mehrheit, die Sharon wieder
gewählt hat, und sein Verteidigungsminister Mofaz sind begierig, den ganzen
Gazastreifen wiederzubesetzen und massive militärische Operationen in all
seinen Flüchtlingslagern und den dicht bevölkerten Stadtteilen auszuführen.
Ein Krieg gegen den Irak wird Israel auf den blinden Fleck (der Welt) setzen –
und so kann es diese Operationen ungesehen vor den Augen der Welt vollziehen.
Die Wiederbesetzung des Gazastreifens bedeutet die vollkommene Streichung
dessen, was noch vom Oslo-Abkommen übrig geblieben war. Dieser Krieg wird
Israel sogar in seine größte Versuchung bringen, die Wünsche der
rechts(radikalen) Zionisten zu erfüllen, indem sie diesen Krieg als
einzigartige Gelegenheit nützen, einen großen Teil der palästinensischen
Bevölkerung gewaltsam aus der Westbank und dem Gazastreifen zu „transferieren.
In anderem Kontext nennt man dies „Ethnische Säuberung“. Schauen wir uns dies
näher an: wenn ein Präventiv-Krieg im 21. Jahrhundert gegen den Irak möglich
ist, dann ist auch „ethnische Säuberung“ durch Israel nicht außerhalb heutiger
politischer „Möglichkeiten“.
Als Christen sind wir verpflichtet, die Stimme der zum Schweigen Verurteilten
zu sein. Deshalb werden wir weitermachen und sie begleiten und so eingehend
die Menschenrechtssituation auf der Westbank und im Gazastreifen anmahnen. Wir
werden weiterhin die Praktiken aller militärischen Besatzungskräfte der Welt
bekannt machen. Es soll ganz klar sein, dass Gewalt gegen die zivile
Bevölkerung nicht toleriert werden kann.
- Den Palästinensern macht ein Krieg gegen den Irak große Sorge, weil er nur
die fundamentalistischen Kräfte der Region stärken wird.
- Die Palästinenser haben Angst, dass ein Krieg nur die Kriegstreiber
innerhalb Israels stärken wird, die den Terrorakt vom 11. September für sich
selbst ausnützen, indem sie sich als die „Experten“ auf dem Gebiet der
Terrorbekämpfung ausgeben. Sie bieten nicht nur ihre Dienste an, sondern
auch ihre Produkte, als Spezialisten für Gemeinden, die sich immer
unsicherer, furchtsamer und terrorisierter fühlen. Ein sorgfältiger Blick
jedoch zeigt ein anderes Bild. Mit all seiner Militärmacht, dem US-Rückhalt
und der militärischen Erfahrung bringt es Israel nicht fertig, seinen
Bürgern Sicherheit oder Frieden zu bringen.
Die Saat des Krieges und der Besatzung wird niemals Frieden bringen. Als
Christen halten wir uns an die biblische Wahrheit, dass „die Frucht der
Gerechtigkeit Frieden bringt“.
- Die islamischen Fundamentalisten, die eine West-Phobie haben, als auch
die fundamentalistischen Christen, die eine Islam-Phobie haben, werden
diesen Krieg benützen, um die Kluft zwischen der arabisch-islamischen Welt
und den USA zu vertiefen. Vorstellungen eines modernen Kreuzzuges werden
bestärkt und weit verbreitet. Der Kontext des Krieges wird eine ideale
Voraussetzung für terroristische Gruppen sein. Theorien, die den
Zusammenstoß zwischen den Zivilisationen unterstreichen, werden sich immer
mehr ausbreiten. Diejenigen, die Amerika hassen, und diejenigen, die auf der
andern Seite die muslimische Welt hassen, werden mehr. Der Preis dieses
gegenseitigen Hasses wird hauptsächlich von den Christen bezahlt werden, die
als Minderheit in der muslimischen Welt leben oder bis zu einem gewissen
Grad Muslime, die als Minderheit in der westlichen Welt leben. Der einzige
Gewinner dieses Szenario ist die rechte (radikale) zionistische Lobby, die
ein klares Interesse daran hat, diese Kluft zu vertiefen, mit dem Versuch,
ihre strategische konkurrierende Überlegenheit zu halten.
Als Christen sind wir dazu aufgerufen, diese gegenseitigen Stereotypen
aufzubrechen. Wir wissen, dass es in der arabisch-islamischen Welt (Türkei,
Kuweit, Qatar und andere) viele Stimmen gibt, die ihre eigenen Gründe für
einen Krieg haben. Andrerseits erkennen wir in vielen Kirchen der USA und im
westlichen Europa eine starke und laute Opposition gegen den Krieg. Wir
bewundern das Zeugnis israelischer Juden im Friedenslager, die sich weigern,
in den besetzten Gebieten ihren Militärdienst abzuleisten. Es ist uns
bewusst, dass die Trennungslinie nicht nur zwischen den Zivilisationen und
Religionen ist, sondern dass sie quer durch alle Zivilisationen und
Religionen geht.
- Das Szenario für die Nachkriegszeit beunruhigt die Palästinenser auch: es
wird erwartet, dass wenn sich der Schlachtenlärm im Irak erst mal gelegt hat,
man einen neuen Pulsschlag der israelisch-palästinensischen Frage fühlen wird.
Dies bewahrheitete sich 1993. Der Golfkrieg bereitete den Weg für das Oslo-Abkommen.
Doch diesmal ist der Ausgangspunkt für die Palästinenser viel schlechter als
1993, und die israelische Regierung ist nicht nur radikaler, sondern auch die
palästinensische Führung isolierter. Die palästinensische Führung von 2003 ist
nicht nur isolierter, sie ist höchst opportunistisch und unglaubwürdig.
Deshalb wird sie versucht sein, den empfohlenen Bedingungen für ein „Versailler
Abkommen“ eines neuen Nahen Osten zuzustimmen und in einen neuen
Friedensprozess einzutreten, der mehr Prozess und weniger Frieden bedeutet. In
solch einem Prozess ist das Managen des Konfliktes von größerem Interesse als
ihn zu lösen. So ein zweiter Prozess mag der palästinensischen Führung helfen,
aus der Isolation herauszukommen, und es mag vielen arabischen und westlichen
Ländern ein „gutes Gefühl“ geben, etwas dafür zu tun, aber dies wird den
Frieden nicht näher bringen Wenn dies fehlschlägt, werden es die gewöhnlichen
Leute unter den Palästinensern als auch unter den Israelis am ersten zu spüren
bekommen.
Als Christen halten wir uns an die Vision, dass Frieden nicht das ist, was der
Sieger dem Besiegten auferlegt. Es ist auch nicht der einseitige Beschluss des
Mächtigen. Frieden ist das Ergebnis von Bemühungen, indem man die dem Konflikt
zugrunde liegenden Ursachen in vernünftiger, kreativer Weise angeht, um eine
Situation zu erreichen, wo jeder sein Gesicht wahren kann bzw. in der keiner
verliert. Frieden ist eine holistische/ ganzheitliche Vision, eine
fortdauernde Anstrengung, wo jeder Schritt zählt, ein dynamischer Prozess, in
dem jede Bewegung wichtig ist und jeder Zuwachs.
- Die Palästinenser haben Angst, dass ein Krieg noch mehr Elend, Armut und
Stagnation in einer weltweit zerbrechlichen wirtschaftlichen Situation bringt.
Es ist erstaunlich, wie „gut“ die Mächte dieser Welt sind, wenn es darum geht,
einen Krieg anzufangen. Plötzlich werden Koalitionen geschaffen, das Opfer von
menschlichem Leben (im andern Kontext Homicid genannt) wird toleriert und
Geldmittel werden bereit gestellt. Die Kosten des 2. Golfkrieges 1991 betrugen
360 Milliarden US$.
Andrerseits wurden nur 5 Milliarden US$ von den Supermächten in den Oslo-Friedensprozess
investiert. Millionen neuer Flüchtlinge werden erwartet und müssen als Folge
dieses Krieges zu den andern Millionen von Vertriebenen im Nahen Osten
hinzugefügt werden. Die Palästinenser fragen sich: "Sind nicht dieselben
zerstörerischen Kräfte, die wir bei Saddams Aktionen finden, bei vielen der
Supermächte am Werk?“ Den meisten von ihnen fehlt das Gefühl echter
Betroffenheit für menschliches Leben und wirklichem Verantwortungsgefühl für
unsern Planeten und seine Ressourcen. Die einzige Ressource, die sie zu
interessieren scheint, ist das Öl.
Als Christen glauben wir, dass Gott uns die Erde mit allen Ressourcen
anvertraut hat.
Eine weise Verwaltung ist es, die Gott von uns erwartet. Wir verpflichten uns,
die anvertrauten Ressourcen nicht in Kriegen zu vergeuden, sondern sie für die
Sache des Friedens, das Friedenstiften und das Friedenerhalten einzusetzen, um
des menschlichen Lebens als auch der Unversehrtheit der Schöpfung willen.
- „Meine Kollegen, wir haben eine Verpflichtung gegenüber unsern Bürgern;
wir haben eine Verpflichtung gegenüber dieser Körperschaft, dass unsere
Resolutionen eingehalten werden.“ So schloss Außenminister Powell seine Rede
beim Sicherheitsrat am 5. Februar 2003. Wir fragen uns, wie dieselben Länder
und derselbe Rat mit seinen Verpflichtungen gegenüber den Palästinensern
umgehen. Wir würden gerne Powell sehen, wenn ihm die Satellitenbilder der
illegalen und sich immer weiter ausdehnenden israelischen Siedlungen in der
Westbank und im Gazastreifen vorgelegt werden. Wir fragen uns, wie kommt es,
dass dasselbe Land und derselbe Rat die totale Zuwiderhandlung der vielen
Resolutionen durch Israel, den israelisch-palästinensischen Konflikt
betreffend, tolerieren. Israel weigert sich sogar, UN-Inspektoren in die
Westbank und den Gazastreifen zu lassen. Hier wird offensichtlich mit
zweierlei Mass gemessen. Der Irak hat Öl, Israel ist heilig. Die Beweislast
liegt auf den Schultern der UN, die ihre Integrität, Glaubwürdigkeit und
Gerechtigkeit nachweisen muss.
(Aus dem Englischen übersetzt: Ellen Rohlfs)
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